Traditionelle galicische MusikerIn der Vergangenheit wurde – vielleicht logischerweise – angenommen, dass die gesprochene Sprache in Spanien Spanisch war. Heute wissen wir einiges mehr über unsere Nachbarn und mussten erkennen, dass die Realität selten so einfach ist. So wissen wir nun, dass „Spanisch“ auch als Kastilisch bekannt ist, und, dass in spezifischen Regionen des Landes andere Sprachen gesprochen werden. Davon haben Baskisch und Katalanisch in den letzten Jahren am meisten öffentliche Aufmerksamkeit erfahren, doch gibt es in Spanien eine weitere wichtige Sprache: Das Galicische.

Sie ist offiziel als Gallego bekannt und ist neben Spanisch die offizielle Sprache der Autonomen Gemeinschaft Galicien, im Nordwesten der Iberischen Halbinsel. Galicisch wird im Alltag von einem beachtlichen Prozentsatz der Bevölkerung der Region benutzt und wurde ebenso über die aus Galicien stammende Einwandererströme in Spanien, Europa und Amerika verbreitet. Das Galicische erlebte eine Zeit der Renaissance, welche Ende des 19. Jahrhunderts begann und sich dann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiter verstärkte und ist eine lebendige Sprache, die mehr als drei Millionen Sprecher zählt.

Wem ähnelt das Galicische?

Als eine der romanischen Sprachen ist Galicisch ein Cousin des Kastilischen, einer, der sich einst vom Katalanischen und Provenzalischen entfernte und wie alle anderen vom Lateinischen, der Sprache der römischen Invasion dieser Regionen, abstammt. Besonders eng ist es jedoch mit dem Portugiesischen verwandt, mit welchem es ursprünglich eine Einheit bildete (galego-portugués). Tatsächlich haben beide Sprachen einen gemeinsamen Ursprung in den Regionen des modernen Galiciens und dem nördlichen Portugal, wo sie Teil einer gemeinsamen galicisch-portugiesischen Kultur waren, die im Mittelalter erblühte.

Straßenschild in GalicischDas Galicische entstand als gemeinsame Sprache aus dem „bäuerlichen“, von den gewöhnlichen Leuten gesprochenen Latein und sein phonetischer Klang wurde stark von der noch viel älteren keltiberischen Kultur beeinflusst, die in dieser Region von dem Tag an existierte, an dem die keltischen Stämme des Nordens sich mit der einheimischen iberischen Bevölkerung mischten. Dieser keltische Einfluss ist ebenfalls im Vokabular zu spüren, welches von germanischen Wörtern infolge der Invasionen der Goten, Sueven und Wandalen vervollständigt wird, ebenso wie von arabischen Einflüsse über das Spanische. So entwickelte sich Galicisch-Portugiesisch seit dem Mittelalter als die Sprache eines jungen Königreichs.

Hätte dieses Königreich überlegt, so wären Galicisch und Portugiesisch ein und dieselbe Sprache geblieben, doch als der portugiesische Staat sich nach Süden ausweitete und Galicien Teil eines von Kastilien dominierten Königreiches von Spanien wurde, nahmen beide Sprachen einen verschiedenen Verlauf: Das Portugiesische entwickelte sich alleine weiter, während das Galicische vom Spanischen beeinflusst wurde. Dies hat zur Folge, dass die gesprochenen Dialekte in den ländlichen Gemeinden Galiciens heute sehr einer älteren Version des Portugiesischen ähneln, wohingegen das Galicische, welches in den städtischen Vierteln genutzt wird, viel portugiesisches Vokabular enthält, das jedoch mit einem kastilischen Akzent ausgesprochen wird.

Dieser Effekt der politischen Mäandern der Geschichte ist keineswegs einzigartig, er kann zum Beispiel ebenso in den dialektischen Varianten der Niederlande und Flandern beobachtet werden, doch führt er in Galicien zu einem interessanten Gefühl lokaler Identität, einer kulturellen Bruderschaft mit Portugal und einer Verbindung mit dem spanischen Bundesstaat. Nach Stand der Dinge ist Galicien eine Autonome Gemeinschaft innerhalb des spanischen Königreiches und der Europäischen Union, wo Spanisch die Hauptsprache ist, welche in den großen Städten gesprochen wird, wo das offizielle Galicisch häufig in den Schulen benutzt und unterricht wird, und wo ältere lokale Dialekte, die näher an dem Portugiesischen sind, auf dem Land benutzt werden.

Die Sprache begann als beliebte Version des Lateinischen in Galicien und dem nördlichen Portugal, wurde später zur Sprache am Hof, erblühte während des Mittelalters zu einem literarischen Juwel und wurde vor allem während der Jahrhunderte der spanischen linguistischen Herrschaft zur Umgangssprache, nur um sich dann Ende 1975 als eine lebendige regionale Sprache hervorzuheben, die auf starke Verbindungen mit dem Portugiesischen und dem Kastilischen baut. Für Galicien ist diese Sprache Synonym einer persönliche Identität, die mit den kulturellen Einflüssen seiner Nachbarn angereichert ist und zu einer Sprache führt, die reich an Ausdrücken ist und sich jeden Tag weiterentwickelt.